Persönlicher Rückblick des Küken Nr. 33
Liebe Obervögel,
Als ich damals noch ziemlich neu bei der Sonnenbräu war, gingen wir am Aschermittwoch in den Stock zum traditionellen Stockfischessen. Ich hatte keine Ahnung, was da kulinarisch auf mich wartete – weil ich aber gerne Neues ausprobiere, freute ich mich auf den ersten Stockfisch meines Lebens.
Diese Vorfreude hielt exakt bis zum ersten Bissen.
In dem Moment, in dem mein Gehirn realisierte, dass dieser Fisch vermutlich schon bessere Zeiten erlebt hatte, klingelte wie durch göttliche Fügung mein Telefon: Störung Sudhaus! Ein Wunder! Ich sprang erleichtert auf und erklärte Ivo noch kurz, er dürfe meinen Stockfisch selbstverständlich fertig essen – die Störung dauere bestimmt länger. Tat sie zwar nicht, aber wenigstens gerettet.
Von da an wusste ich: Es gibt Schutzengel. Sie riechen nach Malz und heissen Sudhausstörung.
Da ich ausserdem wusste, dass der neu gekürte Obervogel ebenfalls immer Stockfisch essen musste, bedauerte ich ihn jedes Jahr zutiefst. Das Bedauern bezog sich dabei aber nur auf das Stockfischessen und ich empfand es als grosse Ehre für jeden als Obervogel gewählt zu werden und ich dachte nie im Leben daran, jemals selbst abgeholt zu werden. Auch wenn ich jedes Jahr am Obervogelfreitag Simone damit ärgerte sie zu fragen, ob sich die Obervögel schon bei ihr gemeldet haben.
Bis vor zwei Wochen.
Am Freitag, dem 6. Februar um 17.30 Uhr, war es so weit. Und ich wusste plötzlich ganz genau, warum mich Simone die ganze Zeit gedrängt hatte, mich endlich fertig zu machen – und vor allem: eine Hose anzuziehen. Wie immer behielt sich recht. Man weiss ja nie, welche Vögel gleich ins Haus flattern.
Kaum hatte unsere Klingel bewiesen, dass sie nicht nur Dekoration ist, wimmelte es in unserem Wohnzimmer nur so von schrägen Vögeln. Nachdem der erste „Schock“ verdaut und das erste Bier, als emotionale Notfallmassnahme eingenommen war, durfte ich in das von Miri wunderschön gewaschene und herrlich duftende Federkleid schlüpfen.
Leider hatte Mürs vergessen, die einzelnen Federn zu bügeln. Ich flatterte also leicht zerknittert durch die Gegend. Aber für Stilfragen bleibt an so einem Tag sowieso keine Zeit. Mit der angeblich neu gekauften Maske auf dem Kopf ging es mucksmäuschenstill durch Rebstein Richtung Burgplatz.
Dort dachte ich noch: Was habe ich für einen umsichtigen Götti! Er hatte mir sogar ein Sandwich mitgebracht. Dieser Eindruck sollte sich aber noch ändern, aber dazu später mehr.
Voller Adrenalin ging es auf den Dorfplatz. Unter meiner Maske lauschte ich meiner unfassbar lieben Laudatio. Noch einmal ganz herzlichen Dank für die wunderbaren Worte – einzig der ruhmreiche FC St. Gallen kam meiner Meinung nach etwas zu kurz. Übrigens hat meine Familie gleich nach der Laudatio betont, dass ich nicht perfekt bin. Dem hat meine Frau aber gleich widersprochen. – Scherz –
Nachdem die Maske gelupft war, konnte ich das Bad in der Menge geniessen. Anschliessend lauschte ich den Bazzaschüttlern und meinem Götti. Jetzt entstand erste Unruhe, weil ein Teil der Obervögel das Küken nicht finden konnte und beinahe ohne
Küken zur Körnlibank weitergezogen wäre. Ein kurzes Telefonat mit Pius reichte – Krise gebannt, Küken gerettet, Schwarm intakt.
Wir genossen den Abend noch in den Rebsteiner Beizen und beim Rössliball. Übrigens bestellte ich getreu unseres Liedes « Vögeln soll man drei Mal täglich frisches Wasser geben» ganz brav ein Glas Wasser. Leider flog in diesem Moment Obervogel Nummer 19 um die Ecke und schüttete mein Wasser schockiert aus dem Rebstockfenster.
Mein Götti nahm mich dann noch beim Rössliball mit auf die Bühne und ich musste
feststellen, dass ich weder musikalisch bin, noch die Bühne meine Welt ist. Aber eigentlich weiss ich das beides ja schon länger. Musikalisch, seit ich damals aus dem Flötenkurs im Kindergarten geflogen bin und bühnentechnisch seit dem ich bei der Sonnenbräu HV sprechen darf.
Nach einem wunderschönen, in den Morgen reichenden Abend wurde ich von meinen
Ersatzgöttis Thurbo und Alex – meine Ersatzgöttis 1 und 2 – zu Apollo gebracht. Ich muss sagen: Mit Bier habe ich schon öfter frühmorgens den neuen Tag begrüsst. Das ist solide Grundlagenarbeit. Aber Wein um diese Uhrzeit ist kein Getränk, das ist eine Strafe.
Und eigentlich sollte ich Apollo inzwischen gut genug kennen, um zu wissen: Für ihn ist ein
„Nein“ offenbar nur die höfliche Umschreibung von „Bitte mach das Glas richtig voll“.
Nach Wein, Bier und Grappa zogen wir weiter in unseren Horst, wo wir professionell geschminkt wurden.
Kaum geschminkt, durfte ich Marthas feinen Cognac probieren. Und schon ging es weiter ins Gesahus. Nach einer sehr feinen Gerstensuppe – laut Koch exakt die gleiche wie
letztes Jahr, vermutlich sogar dieselbe Charge, ging es für mich weiter zur Sonnenbräu.
Dort nahm ich den Fasnachtsumzug zum ersten Mal in Angriff und schenkte in Rekordzeit fast 50 Liter Bier aus. Ich war weniger Küken, mehr Zapfhahn. Am Progyplatz angekommen wurde Claudia etwas nervös, damit sie das Küken wieder rechtzeitig zurück zu den Vögeln bringt, aber eigentlich hätten wir noch mindestens eine Stunde Zeit gehabt. Bei den Obervögeln angekommen, machte ich es mir auf dem Wagen in meinem Nest bequem. Nach einer kurzen Schulung in fortgeschrittener Winktechnik – Handgelenk locker, Hände nahe am Körper halten und ja nie aufhören zu winken– genoss ich den Rebsteiner Umzug aus dem wohl am schönsten gelegenen Nest der Gemeinde.
Am Progyplatz übernahm Renato den Job meines Göttis. Ersatzgötti Nummer 3. Ich fühlte mich langsam wie ein Gebrauchtwagen mit wechselnden Haltern.
Zum Glück hatte er am Abend die geniale Eingebung, dass auch Vögel ab und zu feste Nahrung brauchen. Eine bahnbrechende Erkenntnis – denn Dauerbetankung ohne Grund-lage ist selbst fürs talentierteste Küken flugtechnisch gewagt.
Der strenge, aber geniale Abend ging beim Maskenball weiter. Ich zwitscherte, lachte und prostete oder was man in diesem Zustand sonst so macht mit vielen Leuten, genoss ein, zwei Kaltgetränke – vielleicht auch drei – und widmete den Sonntag vollumfänglich meiner dringend nötigen Federpflege.
Am Schmudo starteten wir mit einem „kleinen“ Apéro in der Hub – wobei „klein“ in diesem Zusammenhang eher eine sehr dehnbare, fast schon philosophische Definition ist.
Danach Schminken im Horst und weiter mit dem Shuttleservice von Peter und meinem neuen Ersatzgötti Nummer 4 Jürg Richtung 9450. Wir schafften es weitgehend, das SchüGa zu vermeiden – auch wenn dafür Mischungen wie Röteli mit Red Bull nötig waren. Eine experimentelle Mischung, von der mich mein Götti kurzentschlossen erlöste.
Ich lernte ausserdem das manche Vögel Genies im Austeilen von Flüssigkeiten sind – sei es beim Einschenken von Wein, beim kunstvollen Zusammenleeren zweier Bierbecher oder beim Trinken von Limoncello. Wahnsinn, welche Mengen dabei daneben gehen können.
Weiter ging es nach Lüchingen zum Maskenball und später zurück ins Städli, wo wir den Abend in diversen Beizen ausklingen liessen. Auf dem Heimweg nahm ich mich noch des Juniors meines eigentlichen Göttis an und brachte ihn gemeinsam mit Simone wohlbehalten ins Nest. Mitten im ganzen Trubel Verantwortung zu übernehmen – fast schon mustergültig für einen Vogel.
Als sich schliesslich meine Vogelgrippe bemerkbar machte, verbrachte ich zwei Tage mit Neocitran im Nest. Aber am Sonntag war ich wieder fit genug, um leicht zerzaust das schöne Wetter nach 9450 zu bringen. Auch wenn es das falsche Dorf war: Mit den richtigen Vögeln kann es überall wunderschön sein, und so genoss ich den Tag noch einmal in meinem neuen Vogelschwarm, bevor es am Montag daran ging, das Nest für das nächste Jahr in den Winterschlaf zu versetzen.
Ich gebe zu: Anfangs war ich etwas enttäuscht, dass ich von meinem Götti
„ausgesetzt“ wurde und einen Ersatzgötti nach dem anderen verschliss. Aber wenn ich sehe, wie oft ich Mürs am Freitag verloren habe, wäre das mit ihm als Götti vermutlich eine noch viel strengere Fasnacht geworden und heute wären wir auch eine Stunde zu spät gekommen.
So aber bin ich schnell flügge geworden. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich meinem Küken nächstes Jahr alles zeigen muss – vorausgesetzt, ich überstehe das Probejahr und werde nicht wegen unsachgemässer Winktechnik aussortiert. Eins habe ich aber mit Sicherheit gelernt:
- Immer lächeln.
- Nie nüchtern
Übrigens fiel Simone aus allen Wolken, als ich mit gleich zwei Liebesbriefen heimlicher Verehrerinnen nach Hause kam. Und nur damit ihr es wisst: Seit der Fasnacht trage ich vorsichtshalber immer ein Quöllfrisch bei mir – man weiss ja nie, wann einem wieder eine heimliche Verehrerin begegnet.
Vielen Dank an Alle, dass ihr mich so gut aufgenommen habt und mit mir so eine wunderschöne Fasnacht gefeiert habt. Vor allem aber auch ein Dank an Bernadette und Reini, dass ihr uns immer so gut mit Vogelfutter verpflegt und für die nötige Grundlage sorgt. Es ist mir eine grosse Ehre euer Küken zu sein und ich bin unsagbar froh, dass der Stockfisch Geschichte ist und durch Fischknusperli ersetzt wurde!
Zum Wohl und die erste Runde geht auf mich!
